Gespräche mit Tomaten

Literaturwettbewerb Literarischer Monat
Lesung im Kaufleuten, Zürich, 2016


Bitteschön, es Tomätli. Sie si gwäsche. Es Tomätli.

Ich stehe da, auf dem Balkon, bei meinen Tomaten. Das sage ich nur zur Veranschaulichung –

Oder, zur Veraschoulichung. Dir chöit nech vorsteue: I wär iz uf em Baukon.
Das da usse wär iz der Innehof vo der Familie-Sidlig.
Oder. Mi cha sech das vorsteue.
Auso.

Ich also hier, ich ein Mann, ein arbeitender Bürger.

Hat frei, freier Familientag, er ist ein Familienmann, hat Mittagspause jetzt. Er steht auf dem Balkon und spricht mit seinen Tomaten,

Sine Tomate

Kein Gedanke ist ein Stück. Alles so –             

Wüsst der, wie ni meine.
Wüsst der, wie ni meine.

Diese Dinger da, Schnüre und Stöcke, wer hat die gespannt, war ich das? Habe ich da Stöcke in die Beete gestellt, war ich das? Und dann Blätter gezupft? Wasser gedingst? Und dann mit Schnüren euch festgebunden?

Han i das schon gseit, Entschuldigung. Hani das schon gseit?

Mit so einem Kopf. Mit so einem Kopf, was tut er. Was ist mit mir. Mein Kopf ist so.

Wüsst der, wie ni meine.


Petrakolevic

Publiziert in Richtungsding, November 2014


Reden alle vom Kinderhaben. Reden alle von der großen Wohnung, vom Volvo Kombi und, ja ja, vom Hund. Vom Hund reden sie, wie er bellt, so süß bellt er. Und von Wanderstöcken. Schreiben’s in Heften, alle lesen’s, alle lachen wegen Wanderstöcken. Und wollen Wanderungen machen mit den Wanderstöcken, Berg hoch, Berg runter, Zack Zack.

Redet am lautesten von Kindern Petrakolevic. Ha! Redet von Petrol, redet von brennenden Ölfeldern. Redet wie das blaue Ölpintli in meines alten Vaters Remise, so redet er. Petrakolevic. Und wandert und wandert, Zack Zack.


Richtungsding.de

Hü, Bäri!

Publiziert in der Zeitschrift entwürfe, November 2014
Aufgeführt mit Chlapf, SO21 im Perla Mode 2014


Hü, Bäri!
Zieht der Hung oder ziesch du der Hung?
Chumm, gimmer die Channe. Mach vorwärts. I wott hei.
So, häb di. Masch lüpfe?
Das isch sächsedrissg – Jää. – E haub.


E haub. Ein halber Liter. Das ist ein Strich mit der Kreide auf der schäbigen Schiefertafel,
darauf schreibt der Milchwäger am Abend die Menge Milch, die jeder Bauer bringt. Neben
der Tafel stecken in einer Holzleiste die Milchbüchli. Am Morgen wird zusammengerechnet:
die Milch vom Abend und vom Morgen. Der Milchwäger steht vor der Tafel und bewegt die
Lippen. Dann schreibt er mit dem Kugelschreiber die Zahl ins blaue Milchbüchlein.


11 Uhr mit Kindern

Höstück von Chlapf, nominiert für das sonOhr-Festival Bern, 2014


Simon: Hallo, Philipp.
Charly: Ich heisse nid Philipp.
Simon: Aber du kannst ja mal so tun.
Charly: Nei, chan i nit.


Super Short Stories

Super Short Stories sind Serien von Bildern und Texten. Die erste Serie heisst Zapping, die Fotos sind von Sandra Schmid. Die Serie wurde am Festival Lyrik am Fluss in Witikon präsentiert. Zwei weitere Serien heissen Urdorf und Bosch Boys. Letztere wurde in der Bosch Bar an der Geroldstrasse in Zürich gezeigt.


Zapping


Urdorf


Bosch Boys


Er fährt Rad

Performance von sprüngli&ratluk, Progr Bern, 2010


Sein Knie tut weh, sein innerer Fuchs. Er rutscht auf dem Sattel nach vorne. Die neuen Klickies helfen nicht. Er hat Pfingstweh. Dieser Tisch, dieses Tal, diese Beeren. Erst hoch, dann lange, flache Radwege. Wenig Störsender. Ein versegelter Traktor. Dann runter in die Stadt. Die allabendliche Radfahrt zwischen Arbeit und Familie. Er kommt aus dem Amselstau. Er wird gefahren sein.


larastanic.ch

Jura Michelle

Radioplay, sprüngli&ratluk, 2009


Deckt euch warm zu in dieser Nacht. Vergesst die Füsse nicht. Atmet nur mit den Kiemen. Fürchtet euch nicht. Sie werden gehen, wie sie gekommen sind.


Jura Michelle auf larastanic.ch

dragutin mrkić, eine serbische geschichte

Radio-Feature, sprüngli&ratluk, Das weisse Rauschen, DRS2, 2008

«Ja sam komunista» – «I am a communist.» With these words, Dragutin Mrkić,
begins his autobiographical narration. Andreas Pfister und Lara Stanic recorded his moving story, reflecting the historical events of the 20th century. Mrkić`s biography spans from 1927, when he was born in then Kingdom of Yugoslavia, through WWII, where he fought against the Nazis as a partisan; his compulsory retirement under the Communists, and up to the triumph of capitalism in the post- communist era.


dragutin mrkić, eine serbische geschichte auf larastanic.ch

Der Flieger

Text zu Hans Trudels „Flieger“ in Infolge. Kunst am Bau, Bahnhof Baden. Christina Hemauer (Hg.)


Hier ist ihre Station – sie steigen aus, sie steigen ein, rennen. Oder sie kiffen noch ein wenig, die Kiffer in ihren dunkelblauen Daunenjacken und immer gleichen Turnschuhen, kiffen sich die vollgekiffte Birne weg. Teenies, blökende Schafe, die blöd rumgammeln und sich aneinander reiben. Die Mädchen mit ihren Scheiss-Jeans, die ihnen absurde Ballonärsche und Steckenbeinchen machen. Zugfahrer. Pressen die Arschbacken zusammen und glotzen optimistisch. Leerfresser der Supermärkte.
Ich hasse ihre gutgelaunten Stimmen, ihre fetten Bäuche, ihre schütteren Haare, die ich sehe von hier oben. Ihre Erfolge. Mich langweilen ihre Verliebtheiten, mich langweilt die Liebe. Ich fühle mich wie eine grosse Wüste oder wie wochenlanger Hochnebel. Nichts, nichts.


Grobes, dunkelgrünes Gras

Publiziert im Kulturmagazin Du, 2002


Der Berg konnte hängen wie ein Bauch, wie ein Wassertropfen, in dem sich die umliegende Welt spiegelte. Wie ein Panorama in einem einzigen Punkt, lautlos, fallend, in die Ewigkeit des Mittags gespreizt. Die Stille raschelte unter dem groben dunkelgrünen Gras, das man nicht schnitt. Der Mäher stand schon den ganzen Morgen stumm dort, jetzt gehörte das Land den Vögeln und Insekten. Der Mittag zog von Osten nach Westen wie ein riesiger Uhrzeiger, wie ein Zeigefinger. Dann kamen die Bauern, die Schäfer, wieder aus ihren Tennen, wo sie pittoresk im Stroh gelegen hatten, mit nackten Füssen. Die Fussnägel hatten sie golden lackiert. Sie schnürten ihre Schuhe, fassten uns Kinder bei der Hand und zeigten in die Ferne. Hoben den Rechen und zogen das Heu den Hang hinunter, in langsamen, sicheren Gesten, als gehorchten sie dem Pendel einer inneren Uhr.


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